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Venedig in München – Der vergessene Architekt der Münchner Residenz: Hans Krumpper

Venedig in München – Der vergessene Architekt der Münchner Residenz: Hans Krumpper

Von Jan-Eric Lutteroth, Peter Heinrich Jahn, Ulrike Seeger, Stephan Hoppe

 

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or ein paar Wochen hat ein digital abgehaltener Studientag zur Münchner Residenz zur Zeit der Renaissance Expertinnen und Experten aus ganz verschiedenen Ecken der Welt zusammengebracht. Im Fokus stand eine besonders folgenreiche Bauphase der Residenz: Zwischen etwa 1560 und 1620 hat diese in wesentlichen Teilen ihre noch heute erlebbare Gestalt erhalten. Auf dem Studientag wurde kurz auch über die immer noch ungelöste Frage nach dem oder den Architekten der außergewöhnlichen Architektur der Phase kurz vor dem Beginn des 30-jährigen Krieges gesprochen, die Herzog Maximilian I. von Bayern ab 1600 in Auftrag gegeben hat und die immer wieder als gut kalkulierter Ausdruck seiner Ambitionen für die 1623 erfolgte Rangerhöhung zum Kurfürsten gedeutet wird.

Die Frage nach der Entwerferrolle der maximilianischen Residenz soll in dem folgenden Beitrag aufgegriffen und durch neue Gedanken vertieft werden. Dabei ist es im vorliegenden Format sicherlich nur möglich, erste Gedankenskizzen und Fragen zu formulieren, am Ende soll jedoch eine Hypothese angeboten werden.

Krumpper-Lutteroth, Arbeitszustand 2021
Abb. 1: 3D-Rekonstruktion der maximilianischen Residenz in München um 1620 nach Anbau des Kaiserhofes aus der Vogelperspektive, Arbeitszustand 2021, Diagramm: Jan-Eric Lutteroth.

Grundsätzlich sind in der Erforschung der mitteleuropäischen Architektur um 1600 in den letzten etwa 25 Jahren große Fortschritte erzielt worden. Auf das Thema der höfischen Architektur in München bezogen sind hier die großen, mehrbändigen Publikationsunternehmen zum Dresdner Schloss und zur Hofburg in Wien als vorbildlich zu nennen, die für die dortigen Baumaßnahmen der späten Renaissance zahlreiche neue Erkenntnisse vorlegen konnten (siehe die Literaturangaben am Ende des Beitrages). Durch die aktuelle Forschung ist das allgemeine Verständnis für die formalen Eigenheiten, die historischen Rahmenbedingungen und speziellen Aufgaben der Architektur um 1600 in Mitteleuropa gewachsen. Vielleicht ist es möglich, aufbauend auf dem erweiterten, aber selbst noch in einem dynamischen Fluss befindlichen Wissensstand auch die keineswegs neue Frage nach der entwerferischen Verantwortlichkeit der maximilianischen Residenz aus neuen Perspektiven zu betrachten.

Residenz München. Raumfolge der Steinzimmer im Kaiserhoftrakt
Abb. 2: Residenz München. Raumfolge der Steinzimmer im Kaiserhoftrakt, ehemalige Stube des kaiserlichen Appartements (heute: Zimmer der Elemente), Lieferung der ursprünglichen (heute in der Unterteilung veränderten) Holzdecke 1615, Entwurf des Stuckfrieses wie der urspr. Holzdecke Hans Krumpper um 1615/16, Wand- und Deckengestaltung rekonstruiert nach den beiden Zerstörungen 1674 und 1944 unter Verwendung originaler Reste und 16 Deckengemälden von 1695/98 von Giovanni Trubillio. Foto: Stephan Hoppe 2017.

In München entstanden während der ersten Hälfte von Maximilians I. Regierungszeit in mehreren Abschnitten große Areale seiner Residenz in der Nordostecke der Stadt neu. Nachdem er schon 1590 erste Erfahrungen als Bauherr anlässlich der Errichtung seiner dortigen Erbprinzenwohnung entlang der Ostflanke der damaligen Vorderen Schwabinger Gasse (heute: Residenzstraße, etwa auf der Höhe des Eingangs in den Kapellenhof) hatte gewinnen können, setzte er nach Übernahme der Regierung 1597 in großem Stil an. Im Jahre 1600 wurde die entlang der Vorderen Schwabinger Gasse gelegene, zehn Jahre alte Erbprinzenresidenz mitsamt dem rückwärtigen Areal um den von seinem Vater ab Oktober 1580 errichteten Grottenhof tiefgreifend umgestaltet beziehungsweise weitgehend neu gebaut. In einer weiteren großen Bauphase entstand ab 1612 nördlich davon die monumentale Anlage des Kaiserhofes mit den dort situierten prunkvollen Raumfolgen für höchstrangige Gäste. Ab 1614 wurde nochmals weiter nördlich und nun bereits außerhalb der mittelalterlichen Stadtumwehrung ein neuer Hofgarten angelegt, der ebenfalls aufwendige und anspruchsvolle Bauten erhielt. Mit Ausbruch des 30-jährigen Krieges waren die Baumaßnahmen weitgehend abgeschlossen, auch wenn noch einzelne Arbeiten weitergeführt wurden.

Von den Bauten Maximilians I. sind trotz aller Zerstörungen, die nicht nur im Zweiten Weltkrieg erfolgten, große Teile erhalten und weitere Aspekte durch Text- und Bildquellen überliefert. Es erstaunt grundsätzlich, dass sich für diese anspruchsvolle, sich auf höchstem, durchaus europäischem Niveau bewegende Anlage weder ein durchgehend verantwortlicher und koordinierender Architekt benennen lässt, noch sich einzelne Baumaßnahmen mit entwerferisch ausgewiesenen Persönlichkeiten verbinden lassen.

Portal in den Erdgeschossräumen um den Grottenhof Residenz München
Abb. 3: Portal in den Erdgeschossräumen um den Grottenhof, mutmaßlich entworfen von Hans Krumpper (1600). Foto: Stephan Hoppe 2017.

Nach welchen Persönlichkeiten hier zu suchen wäre, deuten einzelne herausragende architektonische Details und Motive der Residenz Maximilians I. an. Auch wenn sicherlich große Teile dieser Residenzarchitektur zu zwar anspruchsvollen, aber sich noch im Rahmen der üblichen Aufgaben eines Münchner Baumeisters bewegenden Leistungen gehörten, so gibt es doch einzelne bauliche Motive, die erklärungsbedürftig erscheinen.

Darunter fällt zum Beispiel die geschickte Ausnutzung unregelmäßigen Geländes zwischen der Vorderen Schwabinger Gasse, der Stadtmauer im Norden und der Grabenmauer im Osten. Hier lässt sich mit der Errichtung der Wohntrakte für Maximilian I. und seiner ersten Gattin Elisabeth Renata von Lothringen im Jahr 1600 eine neue geometrische Strenge beobachten. Es wird das rechtwinklige Achsenkreuz des ab 1580 unter der Oberleitung des Malers Friedrich Sustris angelegten Grottenhofes nach Westen und Süden aufgenommen und als rechtwinkliges Grundrissraster den neuen Bauten zugrunde gelegt.

Krumpper, Tambach, Lutteroth Grottenhof Residenz
Abb. 4: Teilgrundriss der Münchner Residenz, sog. Tambach-Plan, um 1630, BSSV, bearbeitet durch Jan-Eric Lutteroth.

Besonders interessant ist dabei, wie in der Bauphase ab 1600 der Anschluss an die alte Erbprinzenresidenz im Westen erfolgte. Diese war 1590 entlang dem Straßenverlauf errichtet worden, wie es in München nach Auskunft des Sandtnerschen Stadtmodells von 1570 üblich war. Damit lag sie in einem irregulären, spitzen Winkel zum etwas älteren Grottenhof weiter im Osten. Im Jahr 1590 hatte das noch nicht gestört. Mit dem neuen Bauprojekt Maximilians I.  entstand jedoch eine bauliche Situation, in der das neue rechtwinklige Grundrissraster, das vom Grottenhof übernommen wurde, auf die abweichende Achsenführung der Vorderen Schwabinger Gasse traf. Dabei wurden die regelmäßigen Räume so weit wie möglich im Inneren des Baublocks angeordnet, während an der Außenseite eine Reihe verschwenkter Räume zur Achse der Vorderen Schwabinger Gasse vermittelten. (Abb. 2) Dasselbe Prinzip wurde interessanterweise noch einmal 1612 wiederholt, als man das vom Grottenhof ausgehende Achsensystem auch dem sich auf ehemaligen Privatgrundstücken erstreckenden Kaiserhof zugrundelegte und ebenso hier die Anschlussstelle zur abweichenden Achse der Vorderen Schwabinger Gasse formal bewältigt werden musste.

Hier an der Westseite des Kaiserhofs hätte es grundsätzlich mehrere Möglichkeiten der Grundrissbildung gegeben. Die traditionelle und aus der regionalen Baukunst abgeleitete Möglichkeit wäre es gewesen, den Westflügel an der Vorderen Schwabinger Gasse parallel zu dieser zu führen. Dann hätte aber die Fassade auf der Ostseite des Kaiserhofes nicht in das durch den Grottenhof vorgegebene Raster eingepasst werden können.

Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, die repräsentativen Haupträume (heutige Steinzimmer) entlang der Vorderen Schwabinger Gasse anzuordnen, wo sie entsprechende Ausblicke in den Straßenraum besessen hätten, und die dreieckige Restfläche zu einer im Grottenhofraster ausgerichteten Kaiserhoffassade mit Nebenräumen zu füllen.

Es wurde aber der dritte Weg gewählt, die Raumfolge auf rechteckigem Grundriss als Weiterführung des aus dem Inneren abgeleiteten Grottenhofrasters in das Innere des Gebäudekomplexes zu legen und zur abweichenden Flucht der Straßenfassade durch eine Anzahl kleiner, ,gefangener‘ Resträume zu vermitteln und diesem Bauteil dann eine Galerie an der Straßenseite vorzulegen, wodurch doch noch eine repräsentativ zugängliche Fensterfront zum Stadtraum hin entstand. Diese Lösung mag auf den ersten Blick naheliegend erscheinen, der Vergleich mit anderen, ebenfalls hochrangigen Bauten in Mitteleuropa dieser Zeit zeigt jedoch, dass er in dieser Baukultur nicht vorgegeben war. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Lösungsstrategie, die in der italienischen Architekturtheorie und -praxis schon seit einigen Generationen diskutiert und gehandhabt worden war. Eine vergleichbare Lösung hat beispielsweise Vincenzo Scamozzi 1615 im Medium der Traktatliteratur in Vorschlag gebracht.

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Abb. 5: München. Reiche Kapelle, Blick in die Laterne (Zustand des Wiederaufbaus), Foto Stephan Hoppe 2005. Abb. 6: München. Reiche Kapelle, Dachgeschoss mit Grundriss der achteckigen Laterne (Zustand des Wiederaufbaus), Linsinger-Aufmaß 2008, BSSV, bearbeitet durch Jan-Eric Lutteroth.

Als Teil der neuen Wohnräume Maximilians I. und Elisabeth Renatas ist in der Bauphase ab 1600 nicht nur eine Hofkapelle als Rechteckraum mit umlaufenden Emporen, sondern auch die Neuausführung einer an anderer Stelle vorhandenen älteren Kapelle für den Reliquienschatz des Hauses Wittelsbach entstanden. Diese 1607 geweihte Reiche Kapelle für den Reliquienschatz besticht nicht nur durch ihre aufwendige Dekoration mit vergoldetem Stuck und Kunstmarmorarbeiten, sie besitzt auch eine auf besondere Weise inszenierte Beleuchtungssituation. Die Gewölbeschale öffnet sich über einen Sprengring in eine Laterne auf polygonalem Grundriss, die durch acht Fenster das Licht hereinlässt. Die Laterne befindet sich in einem ,gefangenen‘ Raum unter dem Dach, der nur von Osten durch zwei Fenster einer Dachgaube belichtet ist und der Kapelle eine ganz besondere Lichtstimmung verleiht. Eine indirekt belichtete Kuppellaterne wurde auch zwei Jahrzehnte später in der der Münchner Hofarchitektur nahestehenden Weilheimer Stadtpfarrkirche realisiert. Grundsätzlich aber gehören in jener Zeit Laternen in der Architektur in Mitteleuropa noch immer zu den seltenen Architekturmotiven. Es hatte kurz nach 1590 in München ein Projekt gegeben, in dem die Erweiterung der St. Michaelskirche eine mit einer Laterne versehene Kuppel erhalten sollte. Das Projekt wurde nicht ausgeführt. Die Reiche Kapelle ist nun in keiner Weise eine Kopie dieses Projektes, sondern bringt eigene Gedanken mit ein und zeigt auch eine gewisse Vertrautheit mit entsprechenden Projekten, die man damals besonders häufig in Italien sehen konnte.

Des Weiteren war die Architektur Maximilians I. seit Anlage des Kaiserhofes 1612 an mehreren Stellen durch die Verwendung einer Kolossalordnung sowie einer dieser als Würdemotiv nahestehenden geschossübergreifenden Säulenordnung ausgezeichnet. Auch diese beiden Motive stammten bekanntlich aus der italienischen Architektur der Hochrenaissance, hatten aber um 1600 in Mitteleuropa erst selten Fuß gefasst. Erste Projekte begannen sich seinerzeit heraus zu kristallisieren, so etwa das nach 1594 begonnene Schloss Montceaux-en-Brie im Umfeld des französischen Königshofes.

Krumpper Residenzfassade
Abb. 07: München, Residenzfassade zur Vorderen Schwabinger Gasse, Vergleich unterschiedlicher Fassadenbemalungen: Hans Krumpper, Erster Entwurf für die Madonna an der Residenzfassade, Stadtmuseum München, sog. Krumpper-Nachlass, G-36/1898; Ausschnitt: Matthias Diesel, Ansicht der Hauptfassade, 1717, BSB; Ausschnitt: Vorkriegszustand, Foto des linken Hauptportals, BLfD; bearbeitet durch Jan-Eric Lutteroth.

Monika Melters hat in ihrer Habilitationsschrift (Kolossalordnung [Kunstwiss. Studien 148], Berlin/München 2008) herausgearbeitet, dass grundsätzlich zwischen der “echten” Kolossalordnung und der 1½ Stockwerke überspannenden so genannten geschossübergreifenden Ordnung unterschieden werden muss. Beide Fassadengliederungen entwickelten sich zeitlich parallel und die eine kann nicht bloß als eine Vorstufe der anderen aufgefasst werden. Der als ursprünglich anzusehende Entwurf der Residenzfassade in München mit ihrer damals wie heute aufgemalten Architekturgliederung zur Vorderen Schwabinger Gasse (Abb. 7 li.) zeigte zuerst noch eine geschoßgebundene Säulenordnung in Superposition, ähnlich dem Florentiner Palazzo Rucellai aus dem 15. Jahrhundert. Ob diese je ausgeführt wurde, ist fraglich.

Krumpper, Abb.08, Lusthaus
Abb. 8: Fassadenvergleich der Westseite des Kaiserhof-Ostflügels mit der unter Maximilian I. veränderten Fassade des ehem. Lusthauses Albrechts V. im Münchener Hofgarten; Ausschnitte aus Kupferstichen von Matthias Diesel, 1717, BSB, bearbeitet durch Jan-Eric Lutteroth.

Mit der dann um 1615 aufgemalten (und heute rekonstruierten) Fassadengliederung, die im Piano nobile eine das Mezzanin (Halbgeschoss) einschließende geschoßübergreifende Säulenordnung aufweist und auf rustizierten Pilastern des Erdgeschosses aufsetzte (Abb. 7 mittig u. re.), lässt sich ein Umdenken erkennen. Vergleichbares wurde im Kaiserhof umgesetzt, dort allerdings mit Doppelpilastern, die im Erdgeschoss der Rustizierung entbehren und stattdessen Kanneluren aufweisen, sowie an den das Fischhaus flankierenden Gebäuden im Hofgarten. In letzterem Fall erhob sich die geschossübergreifende Ordnung über einem durchgängig rustizierten Sockelgeschoss.

Krumpper, Abb.09, Kolossal
Abb. 09: Fassadenvergleich der Ostseite des Kaiserhof-Ostflügels mit dem ehem. Fischhaus im Münchener Hofgarten; Ausschnitte aus Kupferstichen von Matthias Diesel, 1717, BSB, bearbeitet durch Jan-Eric Lutteroth

Eine relativ bodennah beginnende und zwei vollwertige Geschosse überspannende, also “echte” Kolossalordnung befand sich zum einen an einer dem 1615 eingedeckten Ostflügel des Kaiserhofes vorgeschalteten Pfeilerarkade, bei der die ebenfalls vermutlich aufgemalten kolossalen Pilaster oder Halbsäulen vorgaben, eine Altane vor einem zurückgesetzten attikaartigen Geschoss zu tragen. Zum anderen wurde eine bodennahe, nun lediglich 1½ Geschosse übergreifende Ordnung im neuen Hofgarten verwendet, wo das um 1620 entstandene so genannte Fischhaus eine entsprechende Fassade mit hoher darüber sich erstreckender Attikazone zeigte. (Abb. 8) Beide Bauten, die Pfeilerarkade nach Osten und die Fischhausfassade sind nur durch Bildquellen überliefert und waren im 19. Jahrhundert schon überformt beziehungsweise verschwunden. Sie sind erst spät von der Kunstgeschichte entdeckt worden und bislang eher selten beschrieben und interpretiert worden. Georg Skalecki, der die Beispiele für geschoßübergreifende Fassadengliederungen aus dem Alten Reich jener Zeit zusammengetragen hat, erwähnt diese Münchner Beispiele nicht, er beschränkt sich auf die Straßenfassade der Münchner Residenz und den Kaiserhof.

Krumpper, Abb. -10, Palladio
Abb. 10: Fassadenvergleich der Palazzi Valmarana, Chiericati und Iseppo di Porto in Vicenza; a: Hauptfassade, Palazzo Valmarana; b: Hauptfassade, Palazzo Chiericati; c: Schnitt durch den Cortile, Palazzo Iseppo di Porto; d: Hauptfassade, Palazzo Iseppo di Porto; jeweils aus: Andrea Palladio, Quattro Libri, Ausgabe Venedig 1601, BSB, bearbeitet durch Jan-Eric Lutteroth.

Die Vorbilder für das Umdenken in der Münchener Fassadengliederung, das sich durch die vielfältige Verwendung geschoßübergreifender und “echter” Kolossalordnungen auszeichnete, sind in Norditalien, konkret bei Palladios Palästen Valmarana, Chiericati und Iseppo di Porto in Vicenza zu suchen beziehungsweise in der Publikation derselben in den Quattro Libri. Auch hier wurde geschoßübergreifend mit integriertem Mezzanin gedacht. (Abb. 9a und 9b) Sogar die innenseitige, auf Bodenniveau beginnende Kolossalordnung mit darüberliegender Attika, wie sie in München an der ebenfalls innenseitigen Ostfassade des Kaiserhofes der Residenz umgesetzt wurde, war am Palazzo Iseppo di Porto (und besser noch in der entsprechenden orthogonal projizierten Schnittdarstellung in den Quattro Libri) zu beobachten. (Abb. 9c) Weitere Beispiele venezianischer Architektur mit bodennaher Kolossalordnung ließen sich hier anführen: so die Fassaden der Loggia del Capitano in Vicenza oder der palastähnlich in Erscheinung tretenden Theatinerkirche San Gaetano in Padua. Deutlich ist auch die Übereinstimmung bei einem Vergleich der Hauptfassade der Residenz mit derjenigen des Palazzo Chericati (Abb. 9b), wo ebenfalls das geschoßübergreifend gestaltete Piano nobile auf einer Dorica des Erdgeschosses aufsetzte. Und das Palastschema der Flankengebäude des Fischhauses im Hofgarten mit rustiziertem Sockelgeschoss findet sich ebenfalls bei Palladio, beispielsweise mit der Straßenfassade des Palazzo Iseppo di Porto. (Abb. 9d)

Kaisertreppe Residenz München
Abb. 11: München. Kaisertreppe im Nordflügel des Kaiserhofgevierts (1612/15). Foto: Stephan Hoppe 2017.
Krumpper, Abb.12, Treppen, Lutteroth
Abb. 12: Teilgrundriss der Münchner Residenz, sog. Tambach-Plan, um 1630, BSSV, bearbeitet durch Jan-Eric Lutteroth.

Als weitere erklärungsbedürftige Ausnahmekomponente der Münchner Residenz unter Maximilian I. muss die Kaisertreppe im Nordflügel des Kaiserhofes genannt werden, die ab 1612 entstanden ist. Die maximilianische Residenz fällt grundsätzlich durch den Einsatz breiter und monumental wirkender geradläufiger, zudem gewölbter Treppen im so genannten italienischen Typus auf. In Mitteleuropa waren aus bestimmten Gründen, nicht zuletzt auch der Zurschaustellung der einheimischen Kunstfertigkeit, in deutschen Residenzen Wendeltreppentürme geläufig, so etwa noch in dem 1607 bis 1619 erbauten Aschaffenburger Schloss, dem Dresdner Schloss oder in Schloss Weikersheim (1595-1605). Man kann den Typus der älteren Korridortreppen der Münchener Residenz mit der Nähe Bayerns zu Italien erklären, oder auch mit der auch sonst erkennbaren Orientierung an Bauten der österreichischen Habsburger wie etwa der der beiden geradläufigen Hofburgtreppen der 1550er Jahre.

Trotzdem lässt sich damit kaum die architektonische Meisterschaft der Münchner Kaisertreppe erklären, die sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass der durch ein ansteigendes Tonnengewölbe begleitete erste Lauf sich nach dem Wendepodest in eine immer weiter öffnende, lichtdurchflutete Architektur entwickelt. Ein dreischiffiger, einheitlich überwölbter Treppenkasten im Obergeschoss, wie er in München zum Kaisersaal überleitet, war selbst gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland noch eine Seltenheit und wurde erst durch das Aufblühen der spätbarocken Treppenbaukunst in den Schatten gestellt. Auch hier gilt, dass zwar die älteren Treppen aus der Zeit um 1600 in der Münchner Residenz notfalls dem örtlichen Bauhandwerk zugeschrieben werden können, eine solche Einordnung angesichts der Kaiserhoftreppe jedoch etwas überstrapaziert erscheint. Auch hier verweisen die Vorbilder in fernere Regionen, wobei wahrscheinlich Italien und Spanien als erstes zu nennen sind.

Die hier herausgegriffenen Aspekte sollen nun in einem zweiten Schritt dazu dienen, die beim Münchner Residenzbaugeschehen bislang als Kandidaten für entsprechende entwerferische Rollen in den Quellen aufscheinenden und von der Forschung bereits immer wieder genannten Personen noch einmal im Zusammenhang und Vergleich zu mustern und vielleicht in einem ersten Ausschlussverfahren Wahrscheinlichkeiten ihres künstlerischen Profils zu formulieren.

Dabei ist es zwar nicht zwingend, grenzt aber doch an eine gewisse Wahrscheinlichkeit und Plausibilität, dass die genannten herausragenden Qualitäten und ungewöhnlichen Architekturmotive über die ganze Bauzeit von 1600 bis etwa 1620 in München zur Verfügung standen. Natürlich ist es ebenso denkbar, dass es Maximilian I. oder einer anderen Persönlichkeit immer wieder gelungen ist, außergewöhnliche Baugedanken für die Münchner Planungen aus externen Quellen zu rekrutieren. Dann wäre entweder Maximilian I. in außergewöhnlicher Weise sich den Möglichkeiten des zeitgenössischen Bauens bewusst gewesen, oder eben eine andere Persönlichkeit in seinem Umfeld hätte diese Potenziale zu steuern und zu aktivieren gewusst. Angesichts einer solchen Hypothese wäre sicherlich die alternative Hypothese, der zufolge eine zu solchen entwerferischen Leistungen fähige Persönlichkeit permanent in München verfügbar war, vorzuziehen, wenn auch nicht in zwingender Weise.

Auch wenn nun die Bauakten keineswegs vollständig sind, so bestehen doch gute Chancen, einen Überblick über die in der Architektur leitend tätigen und besonders qualifizierten Personen in München in den hier infrage kommenden zwei Jahrzehnten zu gewinnen.

Zunächst hatte man in der Forschung daran gedacht, dass der Hofmaler Peter Candid so wie zuvor der 1600 verstorbene Maler Friedrich Sustris in irgendeiner Weise entwerferisch im Bereich der Architektur tätig geworden sein könnte. Nach den ausführlichen Untersuchungen von Brigitte Volk-Knüttel hat sich gezeigt, dass dies nicht der Fall war. Peter Candid scheidet heute als Architekt der Residenz aus. Grundsätzlich war es damals aber zunehmend die Rolle von international ausgebildeten Malern, auch eine international konkurrenzfähige Architektur an deutschen mitteleuropäischen Höfen zu entwerfen.

Eine weitere solche Figur könnte in München der kaiserliche Hofmaler Josef Heintz d. Ä. gewesen sein, von dem bekannt ist, dass er um 1603 begann, Entwürfe für öffentliche Bauten in Augsburg und im Umfeld des Prager Kaiserhofes auszuarbeiten. Beispiele für Augsburg sind hier das Zeug- und das Siegelhaus sowie die Stadtmetzg. Zum einen ist Heintz aber im Jahre 1609 gestorben, sodass er für die jüngeren Münchener Bauten kaum infrage kommt, zum anderen ist unklar, ob er sich schon um 1600 als architektonischer Entwerfer betätigte.

Aus einem ganz anderen Umfeld kommen die beiden Bauexperten Heinrich Schön d. Ä. und Hans Reifenstuhl. Reifenstuhl war ein Zimmermann mit besonderen Qualitäten im Wasser- und Brückenbau und über einen langen Zeitraum am Münchner Hof tätig. So fungierte er ab 1587 als Werkmeister, ab 1597 als Bauverwalter, und ist ab 1600 als Baumeister in den Schriftquellen zu finden. Vermutlich als Folge eines Unfalls im November 1600 übernahm der davor noch selbst handwerklich tätige Reifenstuhl vornehmlich verwalterische Tätigkeiten, indem er zwischen 1602-1608 Hofbaumeister wurde, ehe Heinrich Schön ihn in diesem Amt ablöste. 1619 trat er in den Ruhestand und starb im Juni 1620. Es ist zwar bekannt, dass aus dem holzverarbeitenden Bereich einzelne Künstler sich mit dem architektonischen Formenapparat und in größerem Maßstab mit ingenieurtechnischen Fragen beschäftigten, ob aber dazu gerade die hier für die Münchner Residenz hervorgehobenen Themen gehörten, ist fraglich.

Eine weitere Persönlichkeit ist der bereits erwähnte Heinrich Schön d. Ä., der als Hofkistler und Hofbaumeister (letzteres im Sinne des Bauverwalters) in jedem Fall mit den architektonischen Unternehmungen Maximilians I. im Zusammenhang stand. Schön wurde beispielsweise 1613 für ein Modell des neu anzulegenden Hofgartens sowie 1615 für ein eben solches des zentralen Uhrturms der Residenz bezahlt. Man hat deshalb angenommen, dass er damals oder im Folgejahr die Architektur des Hofgartentempels entworfen haben könnte, der sich erhalten hat und heute noch in situ steht. Modelle waren im mitteleuropäischen und auch Münchner Bauwesen damals grundsätzlich gefordert, um den ausführenden Gewerken Formen und Maße vorzugeben. Man arbeitete gerade für die anspruchsvollen Projekte der höfischen Architektur lieber mit Holzmodellen als mit Plänen. Dies kommt ganz deutlich in den Reaktionen auf die architektonische Entwurfstätigkeit des Malers Friedrich Sustris in Landshut in den 1570er Jahren zum Ausdruck, als die ausführenden Meister das Fehlen von Modellen beklagten. Sie beklagten übrigens auch das Fehlen von detaillierten Plänen von Sustris für die innere Aufteilung der neuen Gebäude.

Für anspruchsvolle Architekturen, zu denen zum Beispiel auch in den 1580er Jahren in München die Jesuitenkirche St. Michael gehörte, war es also notwendig, entsprechende hölzerne Modelle anzufertigen und diese Tätigkeit fiel in die Kompetenz entsprechend ausgebildeter Spezialisten. Diese Spezialisten konnten dadurch nach und nach auch eine immer größere entwerferische Rolle spielen und bestimmte koordinierende Aufgaben übernehmen.

Dies war zum Beispiel der Fall bei dem Augsburger Kistler (Kunstschreiner) Wendel Dietrich, der ab 1582/83 für den Bau der Münchner Michaelskirche herangezogen wurde und gleichzeitig auch wesentliche Stücke der hölzernen Ausstattung, wie das (noch erhaltene) Chorgestühl oder den architektonisch geschmückten (ebenfalls erhaltenen) Rahmen des Hochaltarbildes lieferte. Dietrich war allerdings um 1597 im Zuge der großen Entlassungswelle am Münchner Hof nach Augsburg zurückgekehrt. Außerdem lässt sich zeigen, dass er bis in Details nach den zeichnerischen Entwürfen von Friedrich Sustris arbeitete, der 1600 starb.

Grundsätzlich ist also der ab 1589 in München nachweisbare Schön ein Kandidat für die entwerferische Tätigkeit der maximilianischen Architektur. Es müsste aber erklärt werden, wie er sich die weitreichenden Kenntnisse europäischer Architekturstandards erworben hat. Themen wie die besondere und subtile Lichtregie in der Reichen Kapelle und die Aufweitung des Raumes über der Kaisertreppe waren nur schwer durch Traktate zu erlernen, die schon in der Münchner Bauphase um 1600 fassbare Entwurfsmethodik der Raumgrundrisse war aus Traktaten nur mit großer Intelligenz herauszulesen. Dass von Schön keine Modelle erhalten sind, ist bei den Extremverlusten dieser Gattung nicht verwunderlich. Es wurden bislang aber auch keine Pläne entdeckt, die ihm zugeschrieben werden können. Der daher hinsichtlich seines Personalstils kaum einzuschätzende Schön bleibt dennoch ein Kandidat für die Rolle des Entwurfsarchitekten der Residenz, aber nicht an erster Stelle, wie im Folgenden gezeigt werden soll.

Ein weiterer Kandidat passierte München nur ganz punktuell. Es ist der von der Forschung immer wieder genannte, aber selten mit einer münchnerischen Entwurfstätigkeit in Verbindung gebrachte kaiserliche Architekt Giovanni Maria Filippi. Filippi war ab etwa 1600 für den Weiterbau der architektonischen Projekte Kaiser Rudolphs II. in Prag verantwortlich. Glücklicherweise ist recht genau bekannt, dass er im Sommer 1611 München auf der Durchreise besuchte und sogar eine Verehrung des Herzogs erhielt, was man als Gratifikation für eine irgendwie geartete beratende oder entwerfende Tätigkeit ansehen kann. Es könnte also sein, dass Filippi den Masterplan für das große Kaiserhofprojekt vorgelegt hatte, mit dem dann im nächsten Jahr begonnen wurde.

Während man sich gut vorstellen kann, dass ein Masterplan Filippis von regionalen Künstlern wie Schön und seinen Leuten umgesetzt worden ist, so lässt sich doch schlechter vorstellen, dass Filippi ebenso für den erst drei Jahre später begonnenen Hofgarten verantwortlich gewesen sein soll und hier die moderne Kolossalarchitektur eingeführt hätte. Schon allein aus chronologischen Gründen erscheint es ganz unmöglich, dass Filippi für die genannten älteren bemerkenswerten Architekturdetails wie die Laterne der Reichen Kapelle zuständig gewesen wäre, und auch die subtile Raumdisposition des Kaiserhofes hatte ja einen konzeptionellen Vorläufer in dem neuen Wohnquartier der herzoglichen Familie ab 1600. Man könnte annehmen, dass Filippi, von dem es in den Archivalien heißt, er habe zwei Portale für die Münchner Residenz entworfen, wenigstens die Entwürfe für die beiden Portale an der Residenzstraße geliefert haben könnte, die immerhin eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Filippi zugeschriebenen und auf das Jahr 1612 datierten sogenannten Matthiastor der Prager Residenz besitzen. Ein genauer Vergleich zeigt hier jedoch eine ganz unterschiedliche Architekturauffassung und Detaillierung, sodass mehr als eine erste Skizze nicht von Filippi erwartet werden kann und dann wieder die Frage offen stünde, wer den Ausführungsentwurf für die Portale gemacht haben könnte beziehungsweise wem dieser zuzutrauen wäre.

Der Vollständigkeit halber sollen noch Gideon Bacher (1611) und Isaac de Caus (1619) erwähnt werden, die beide allerdings lediglich durch die Überreichung von Architekturtraktaten in Verbindung mit dem Münchner Hof gebracht werden können.

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Abb. 13: Rechtes Hauptportal der Münchner Residenz in den Kapellenhof. Foto: Stephan Hoppe 2020.

Damit kommen wir jedoch zu einem weiteren Kandidaten für architektonisches Entwerfen in Bezug auf die Residenz Herzog Maximilians I. Der um 1570 im oberbayerischen Weilheim geborene Hans Krumpper gehörte seit seiner Lehrzeit in den 1580er Jahren zum Umfeld der höfischen Künstlerschaft in München. Das künstlerische Talent des erst 20jährigen lässt sich an einer Fortbildungsreise nach Italien ablesen, auf die ihn Herzog Wilhelm V. 1591 schickte – eine Investition die äußerst selten war. Drei Jahre später, 1594, heiratete Krumpper die Tochter des herzoglichen Hofmalers und leitenden Kunstintendanten Friedrich Sustris, was ebenfalls als Auszeichnung seiner Fähigkeiten und bevorstehenden Rolle im Hofdienst zu werten ist.

Da Krumppers Besoldung von den Hofbauamtsgehältern getrennt war und er in den Hofbauamtsrechnungen hauptsächlich in seiner Rolle als Bildhauer Materialen bezog, ist seine Stellung als architektonischer Entwerfer von der Forschung vernachlässigt worden. Konkret lässt sich diese aber zum einen in den Quellen, durch den Bezug von Papier zum Entwerfen im März 1612, und zum anderen durch seine erhaltenen Entwurfszeichnungen nachweisen.

1922 wurde ein Konvolut von Zeichnungen in Münchner Privatbesitz entdeckt, das überzeugend in seinem Grundbestand Hans Krumpper zugewiesen werden konnte. Es befindet sich heute als so genannter Krumpper-Nachlass im Münchner Stadtmuseum. Der Bearbeiter Adolf Feulner schloss damals aus diesen Zeichnungen nicht nur, dass Hans Krumpper definitiv als entwerfender Architekt auch für kompliziertere und anspruchsvollere Projekte wie etwa die Paulanerkirche in der Münchner Au verantwortlich war, sondern auch, dass man in dieser Persönlichkeit den Architekten der Münchner Residenz gefunden habe. Angesichts der Quellenlage ist das eine gute und nachvollziehbare Position.

Krumpper, Abb.14, München Residenz SHoppe2021
Abb. 14: Detail des rechtes Hauptportals der Münchner Residenz in den Kapellenhof, Entwurf der Figuren von Hans Krumpper, um 1615, Foto: Stephan Hoppe 2020.

Hans Krumpper war allerdings zuerst nicht im Bauwesen ausgebildet worden, sondern als Sohn eines im Münchner Hofumfeld tätigen Bildschnitzers aus Weilheim in Oberbayern erhielt er zunächst wohl eine Ausbildung im Modellieren in Wachs, d. h. dem Anlegen von Modellen für figürliche und ornamentale Dekorationen. Diese Entwurfstätigkeit erstreckte sich nachweislich von den Modellen für große Bronzefiguren wie zum Beispiel an den Giebelschrägen der genannten Straßenportale der Münchner Residenz um 1615 hin zu seinen Vorgaben für die Stuckausstattung des gesamten Kaisersaaltraktes (ein Blatt mit diesbezüglichen Entwürfen ist im sog. Krumpper-Nachlass erhalten). Krumpper hat also diesen Tätigkeitsbereich nie aufgegeben.

Wie und wann Krumpper mit der Architektur in Berührung kam, muss einmal an anderer Stelle genauer diskutiert werden. Jedenfalls ist in der bisherigen Forschung ein recht schwankender Gang bezüglich der Einschätzung seiner Rolle als Architekt zu beobachten. Nachdem wie berichtet Feulner in ihm den langjährig tätigen Architekten der Münchner Residenz sah, setzte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Gegenbewegung ein, indem man Argumente gegen eine solche Zuständigkeit vorbrachte. Grundlegend ist hier ein ausführlicher Aufsatz von Dorothea Diemer aus dem Jahr 1980. Es setzte sich die Meinung durch, Maximilian I. habe das alte System der zentralen Leitung der Künste am Hof durch einen Kunstintendanten wie Friedrich Sustris nicht weitergeführt und damit wäre auch die Rolle für einen längerfristig tätigen Hofarchitekten weggefallen.

Die oben vorläufig zusammengestellten, besonders auffälligen Sondermotive an den Münchner Residenzbauten um 1600 über eine längere Zeit hinweg können jedoch in eine andere Richtung deuten. Dass nämlich Maximilian I. durchgehend über eine hochkompetente und im internationalen Baugeschehen ungewöhnlich gut bewanderte Persönlichkeit verfügte, selbst wenn sie nicht immer in den Hofrechnungen auftauchte.

Peter Heinrich Jahn hat sich 2002 ausführlich mit dem architektonischen Werk Krumppers beschäftigt. Er führt eine Anzahl von Argumenten auf, dass die für Dezember 1590 aktenkundige Genehmigung für Krumpper zu einer einjährigen Studienreise nach Italien langanhaltende Früchte getragen hat. Zwar gilt, wie Dorothea Diemer betont hat, dass keine positiven Nachrichten über die Durchführung dieser Reise mehr vorliegen, aber die Autopsie der allgemein und ohne Zweifel Krumpper zugeschriebenen Entwurfszeichnungen und damit verwandten Bauprojekte zeigt, dass er zumindest Venedig und vielleicht auch Florenz aus erster Hand kennengelernt haben muss. Anders ist die Kenntnis der einschlägigen Details kaum zu erklären.

Nimmt man diese Schlussfolgerungen von Jahn ernst, so lässt sich zwischen den Kandidaten für eine Münchner Architektenrolle, Heinrich Schön und Hans Krumpper, qualitativ differenzieren. Eine Studienreise nach Italien war für einen Architekten aus Deutschland in dieser Zeit äußerst selten. Die Beispiele sind teilweise bekannt, an Krumpper hat man dabei in der älteren Forschung – zu Unrecht – nie gedacht. Er erschien bereits durch seine Rolle als Entwerfer von Plastik und Dekorationen definiert.

Es kann aber gar kein Zweifel bestehen, dass Krumpper in ungewöhnlicher Breite wichtige bildende Künste beherrschte, und dies nicht ausgehend von der Malerei, wie etwa Vasari und Sustris, sondern ausgehend von der Plastik, wie es ja zum Beispiel auch bei Michelangelo, Jacopo Sansovino oder Bartolomeo Ammanati der Fall war.

Die Konsequenzen dieser Zuschreibung können hier nicht weiter diskutiert werden und sollen in weiteren Beiträgen aufgegriffen werden. Es wäre sehr reizvoll, darüber zu spekulieren, inwiefern der spezifische Zugang zur Architektur als “Quereinsteiger”, über den es bei dem ausgebildeten Bildhauer Krumpper keinen Zweifel gibt, seine Entwürfe beeinflusst haben könnte. Angesprochen wurde schon in Zusammenhang mit dem Laternengewölbe der Krumpper zuschreibbaren Reichen Kapelle die besondere Berücksichtigung von Beleuchtungssituationen, eine Sensibilität, die vielleicht mit seiner ursprünglich gelernten Kunst des Modellierers zusammenhängen könnte.

München Residenz SHoppe2021
Abb. 15: Brunnenhof der Münchner Residenz (nach 1610), Foto: Stephan Hoppe 2020.

Es soll aber zunächst festgehalten werden, dass die Autorin und die Autoren dieses Beitrags im Moment Hans Krumpper für den wahrscheinlichsten Kandidaten halten, dem die Rolle eines durchgängig verfügbaren Architekten im vitruvianischen oder neuzeitlichen Sinne für die Münchner Residenz zugewiesen werden kann. Dass natürlich Ideen auch anderer Künstler in den Bau eingeflossen sein werden, steht dem überhaupt nicht entgegen und ist typisch für die Architektur solch ambitionierter Bauaufgaben. Betont werden sollte aber, dass auch Maximilian I. das von seinem Vater eingeführte System eines für baubezogene Künste verantwortlichen zentralen Entwerfers und Konzepteurs vermutlich doch bereits früh fortgeführt hat, auch wenn es sich um kein durchgehend besetztes eigenes Hofamt handelte.

 


Literatur & Abbildungen

Die relevante Literatur ist in diesen einschlägigen oder neueren Beiträgen zu finden:

Stephan Hoppe: Neue Appartements für den Kaiser. München und Wien im architektonischen Dialog im frühen 17. Jahrhundert. In: Paulus, Simon; Philipp, Klaus Jan (Hrsgg.): „Um 1600“. Das neue Lusthaus in Stuttgart und sein architekturgeschichtlicher Kontext. Berlin 2017, S. 75–95 https://doi.org/10.11588/artdok.00006158

Dorothea und Peter Diemer: Der Kamin des Kaisersaals in der Münchner Residenz. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 66 (2015), S. 151–159.

Artikel Hans Krumpper (Peter Heinrich Jahn). In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL), Bd. 82. Berlin/Boston 2014, S. 96–98.

Peter Heinrich Jahn: Hans Krumppers Kuppelprojekt für den Freisinger Dom und die venezianischen Wurzeln der Münchner Architektur um 1600. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 3. Folge Bd. 53 (2002), S. 175–222 Online-Zugang: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2015/3351

Georg Skalecki: Deutsche Architektur zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Regensburg 1989, hier S. 96–103.

Heinrich Gerhard Franz: Hans Krumpper (1570-1634) und das „Krumpper-Fenster“. In: Kunsthistorisches Jahrbuch Graz 21 (1985), S. 5–45.

Dorothea Diemer: Hans Krumper. In: Hubert Glaser (Hrsg.): Wittelsbach und Bayern. Um Glauben und Reich. Kurfürst Maximilian I. Band II/1. Hirmer, München 1980, S. 279–311.

Norbert Lieb: Münchner Barockbaumeister. Leben und Schaffen in Stadt und Land (Forschungen zur deutschen Kunstgeschichte 35). München 1941, hier S. 28–39.

Adolf Feulner: Hans Krumpers Nachlaß. Risse und Zeichnungen von Friedrich Sustris, Hubert Gerhard und Hans Krumper. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 12 (1922), S. 61–89.

Brigitte Knüttel: Zur Geschichte der Münchner Residenz 1600-1616. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 18 (1967), S. 187–210.

Brigitte Volk-Knüttel: Maximilian I. von Bayern als Sammler und Auftraggeber. Seine Korrespondenz mit Phillipp Hainhofer 1611-1615. In: Hubert Glaser (Hrsg.): Quellen und Studien zur Kunstpolitik der Wittelsbacher vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hirmer, München / Zürich 1980, S. 83–128.

Brigitte Volk-Knüttel u Anna Bauer-Wild: Residenz. In: Hermann Bauer u. Rupprecht Bernhard (Hrsg.): Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 2: Profanbauten, München 1989, S.19–620.


Landesamt für Denkmalpflege Sachsen (Hrsg.): Das Residenzschloss zu Dresden. 3 Bände. Petersberg 2019–2020.

Rosenauer Arthur (Hg.): Die Wiener Hofburg – Bau und Funktionsgeschichte (Reihe: Veröffentlichungen zur Bau- und Funktionsgeschichte der Wiener Hofburg). 5 Bände. Wien 2012–2018.


Quellen und Abbildungen: Alle Abbildungen bis auf Nr. 06 stehen unter der Lizenz CC-BY 4.0.


Krumpper-Nachlass im Stadtmuseum München:

https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/personen/krumper-hans-26929.html?tx_mmslenbachhaus_displaypersonen%5Bobjekt%5D=502&cHash=816212bbcf88420786b8ae42ec3ba2a9

https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/personen/sustris-friedrich-27530.html?tx_mmslenbachhaus_displaypersonen%5Bobjekt%5D=1023&cHash=aff8c01c2271cc4e1f0f0d16993310b7

https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/album/provenienzforschung-das-schicksal-des-juedischen-kunsthaendlers-siegfried-laemmle-1863-1953-6.html

 

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