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Die Zeit(en) der anderen – Oder: Durch die Digitalisierung auf dem Weg zu Utopias Lösung?

Die Zeit(en) der anderen – Oder: Durch die Digitalisierung auf dem Weg zu Utopias Lösung?

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ls Kunst- und Kulturhistoriker/in hat man irgendwann seine Lieblingszeit[1] bzw. -epoche, die – natürlich! – besser ist alle anderen, und besonders als die Gegenwart. Das ist u.a. mit dem Gefühl des Heimisch-seins verbunden, wobei über die Jahre Wechsel oder Erweiterung nicht ausgeschlossen oder sogar nötig ist, nach dem Motto ‚Alles muss sich ändern, damit´s so bleibt wie´s ist‘. Umso schöner und inspirierender daher, wenn in den eigenen vergangenheitsbasierten Forschungen Bezüge zur Gegenwart aufblitzen, die so passend sind, dass Zweifel aufkommen, ob es sich nur um Zufallsfunde handelt. Auf einmal schließen sich nicht nur ein sondern gleich mehrere Kreise.

Auslöser für diese Gedanken war wie schon bei meinem vorhergehenden Beitrag das sog. ‚Digitale‘, diesmal nicht in praktischer sondern theoretischer Form: Ein Artikel im t3n-magazin mit der Überschrift

„Hohle Utopie: Braucht es in der Welt nach der Digitalisierung ein bedingungsloses Grundeinkommen? Befürworter sind fest davon überzeugt, dass es keinen anderen Weg für die Zukunft gibt. Dabei machen sie aber einen entscheidenden Denkfehler.“

Und da bin ich anderer Meinung, ich glaube der Denkfehler ist (k)ein Denkfehler!

[An dieser Stelle: Absolute Leseempfehlung des ganzen Hefts! Dieses wurde aus purem Zufall zu meiner Frühstückslektüre, vermutlich hätte ich es mir nicht bewusst gekauft, von außen gesehen für meinereiner doch zu techlastig bzw. nerdy. Noch ein Denkfehler, wie sich herausgestellte. => Öfter mal was Neues!]

Abgeholt hat mich gleich im ersten Satz des Artikels zugegebenermaßen nicht ‚das Digitale‘ sondern die Erwähnung von Thomas Morus, aka Thomas More. Denn der fällt sowohl zeitlich als auch inhaltlich genau in mein persönliches kulturhistorisches Interessengebiet. Im Artikel dient Mores bekannter Roman Utopia von 1516 (!) als Aufhänger.

Portrait von Sir Thomas Moore, Hans Holbein d. J., 1527. (heutiger Standort: Frick Collection, New York. Abb.: gemeinfrei) Gebt euch die Ärmel! Der Samt! Und der Pelz… Hohlbein to Dürer: „Hold my beer!“

Auf Morus brachte mich unterdies wie so oft Piccolomini, mein Lieblings- ‚Hans-Dampf-in-allen-Gassen’ für ‚meine‘ Epoche. Hier im Speziellen durch die Schnittmengen mit dem Aspekt der Politischen Architektur. Diese (wortwörtliche) Lesart von Architektur hat für mein Dissertationsthema größte Bedeutung, Piccolomini wiederum hat genau in der fraglichen Zeit des (frühen) Humanismus nicht nur theoretischen Boden für die Diffusion dieses Gedankens bereitet, sondern diesen mit seiner Idealstadt Pienza (dazu Leseempfehlung inkl. Literaturhinweise) auch direkt in die Tat umgesetzt. Gewissermaßen hat er also nicht nur Morus‘ Utopia vorweggenommen, sondern auch gleich die darin eingeschlossenen Widersprüche aufgelöst, bevor es überhaupt zu einer sog. Utopie kommen konnte.

Und so lässt sich der Bogen zur Jetztzeit schlagen: Denn das Problem am Begriff Utopia ist dessen Negativbehaftung, Utopia ist sozusagen naturgemäß unerreichbar; eine Utopie kommt einem Hirngespinst gleich. (Vgl. Duden: „Traumland, erdachtes Land, wo ein gesellschaftlicher Idealzustand herrscht.“)

Diese Assoziation war sicher nicht das Ziel Morus‘ Utopia, worin er bereits vor über 500 Jahren „eine Art bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)“ vorgeschlagen hat.

Und jetzt wird’s spannend: Könnte es sein, dass nach mehr als einem halben Jahrtausend hier angestoßen durch ‚das Digitale‘ eine (Weiter-)Entwicklung im Raum steht? Und weiter: Liegt die Lösung etwa in der Neubewertung sozialen Kapitals und damit der Kulturvermittlung und Bildungsförderung? Voilà, der Praxisbezug… (=> „Kulturhistoriker, was macht man denn damit?” „ Die Welt verändern!”)

Zunächst sei noch schnell das Namedropping zum Thema BGE abgeschlossen: Siemens-Chef Joe Kaeser, Telekom-Chef Timotheus Höttges, dm-Gründer Götz Werner und Philosoph Richard-David Precht.[2]

Doch bei allen Überlegungen zur Umsetzung des BGE wurde bisher nicht bedacht, dass für das Funktionieren und die Weiterentwicklung der Gesellschaft auf mehr als nur die ökonomischen Bedürfnisse geachtet werden muss.

Wieso? Wäre es denn nicht die Lösung für alles – finanzielle Machbarkeit vorausgesetzt – wenn jede/r ohne Arbeitsstress oder Existenzängste genug Geld zum Leben hätte?

Nein, wie Studien und Beobachtungen (vgl. Artikel) zeigten, reicht das nicht. Es zeichnen sich zwei Wege ab: Personen, die einem Milieu mit hohem sozialem und kulturellem Kapital entstammen, haben weder Schwierigkeiten, die gewonnene Freiheit und Zeit für sich und andere ideal zu nutzen – anders formuliert: Personen, „die unabhängig von ökonomischen Ressourcen verschiedenste Möglichkeiten sozialer Teilhabe haben.“ (Auch der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt fällt ihnen weniger schwer, sollte er gewollt sein.) Diese Möglichkeiten fehlen jedoch Personen aus Gesellschaftsschichten, die diese Einbindung in entsprechende Netzwerke nicht leisten (können): Ohne das integrative Moment der Arbeit, sprich Erwerbstätigkeit, hängen diese schnell ‚in der Luft‘, Stichwort Langzeitarbeitslosigkeit. Als Beispiel wird auch auf Rentner verwiesen, die „das fehlende Zugehörigkeitsgefühl zurück in die Erwerbstätigkeit führt.“ Es muss also noch andere als rein ökonomische Gründe geben, zu ‚arbeiten‘: Den „Zugang zum Gemeinwesen“, das „Gefühl der Zugehörigkeit“ und der Teilhabe an „etwas Größerem“. Ist dies gar ein „menschliches Grundbedürfnis“, wie der Artikelautor meint?

Dies überhaupt zu erkennen, erfordert nicht nur grundlegend bereits ein gewisses Maß an (sozio-kultureller) Bildung. Viel bedeutender ist, dass durch diese sich abzeichnende Differenzierung deutlich wird, dass der Wert „nichtökonomischer Kapitalformen“ (nach Bourdieu[3]) bisher völlig unterschätzt wurde. D. h. soziales und vor allem kulturelles Kapital:

„Kulturelles Kapital in Form von Bildung, das körpergebunden ist, in der Familie weitergegeben wird und direkt nur bedingt bis gar nicht aus ökonomischem Kapital gewonnen werden kann, ist ein struktureller Bestandteil heutiger Gesellschaften.“

Schwer, eine bessere Formulierung zu finden – mehr gibt es im Grunde gar nicht weiter zu sagen. Besonders schön finde ich das Stichwort der Körpergebundenheit. Da kommen Assoziationen mit ‚immateriellem Kulturerbe‘ auf, und weiter auch mit ‚Materieller Kultur‘ und ‚Objekten als Quelle‘, welche ja für diesen Blog eine zentrale Rolle spielen. Auch bzw. gerade deren immaterielle Bedeutungsebene verleiht der materiellen erst ihre volle Aussagekraft.

Zurück zum Thema: BGE und ‚das Digitale‘, und was die Kulturwissenschaften damit zu tun haben. Die fortschreitende Digitalisierung macht deutlich, dass ein Umdenken bei der Verbindung klassischer Erwerbstätigkeit und Arbeitszeit nötig ist. Naheliegender Ansatz in diese Richtung ist das BGE. Dessen Konzept übersieht aber bisher die o.g. Bedeutung nichtökonomischer Kapitalformen, in erster Linie von kulturellem Kapital in Form von Bildung. Was kann also getan werden und wo betrifft es ‚uns‘ Kulturwissenschaftler/innen?

Zunächst scheint nötig, das B aus dem BGE zu entfernen, zu ent-utopisieren sozusagen. D. h. das GE mit einem Gegenwert zu verknüpfen, jedoch nicht in Form von Geld, sondern von für die Gesellschaft (in Vermeidung des Wortes Gemeinwohl) und damit auch für das jeweilige Individuum investierter Tätigkeit. Damit würde nicht nur das o. g. bisher unterschätzte Grundbedürfnis nach dem „Gefühl der Zugehörigkeit“ und der „Teilhabe an etwas Größerem“ erfüllt. Es bieten sich damit auch Lösungsansätze für ganz andere aktuelle und konkrete Probleme, Stichworte bspw. Pflegenotstand und aktuelle Diskussion um das Pflegestärkungsgesetz.

Vor diesem Hintergrund erscheint Kulturvermittlung in einem ganz neuen Licht. Damit ergeben sich nicht nur Gedanken zu Förderung von kultureller Bildung, die so bspw. zum Indikator funktionierender Gesellschaftssysteme und deren Entwicklungspotential wird. Zur Anwendung gebracht, ergibt sich damit eine größere Verantwortung, gleichzeitig aber auch Wertschätzung der Kulturwissenschaften:

Das Problem bei der Umsetzung des (B)GE ist nicht die finanzielle / ökonomische Machbarkeit, sondern die Unterschätzung nichtökonomischen, körpergebundenen kulturellen Kapitals in Form von Bildung. Die Förderung von kultureller Bildung und Kulturvermittlung scheint der Schlüssel für die Lösung dieses Problems, und wer wenn nicht die Kulturwissenschaften können hierzu Beitrag leisten?


Weiteres kultur- bzw. architekturhistorisches Verzetteln in ‚meiner Lieblingszeit‘ gefällig? Bitteschön:

Morus im Gespräch mit dem Philosophen Raphael Hythlodaeus.Vgl.: Stephen Greenblatt on Morus and Hythlodaeus in More’s Utopia.

Richard David Precht: „Erkenne dich selbst“ Philosophie als kulturhistorischer Abenteuertrip (Buchkritik)

Fenestra prospectiva: Architektonisch inszenierte Ausblicke: Alberti, Palladio, Agucchi

Thomas More’s Enclosed Garden: “Utopia” and Renaissance Humanism

Utopia through Italian Eyes: Thomas More and the Critics of Civic Humanism

Humanism and Empire: Aeneas Sylvius Piccolomini, Cicero and the imperial ideal

The reality of paradox: fantasy, rhetoric, and Thomas More’s Utopia

The First Edition of Thomas More’s Utopia, its Printer and the Erasmian Network: Exploring the Role of a Humanist Network in a Printing Workshop


Übrigens: Utopia hat das halbe Jahrtausend bereits 2016 geknackt, doch aktuell befinden wir uns in einem weiteren 500er-Jubiläum: Dem Maximilianjahr! Der Zeitgenosse Mores wird naheliegender Weise auch von uns Hofkulturler/innen besonders hoch geschätzt (vgl. z. B. Beitrag Leiterbilder) und auf entprechende neue Beiträge darf gehofft werden! In Vorbereitung haben wir hier schon mal eine Zusammenfassung mit Tipps und Terminen erstellt.

 


Anmerkungen

[1] Sidekick: vgl. https://www.zeit.de/zeit-magazin/2018/47/carlo-rovelli-physiker-zeit-wissenschaft-entschleunigung-alltag/komplettansicht , oder: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/03/Das-Ich-Serie-Teil-2/seite-2

[2] Vgl. Folgen der Digitalisierung oder „Nur googeln reicht nicht“ . Precht hat mich gleichmal zu meinem neuesten Literaturfund gebracht: Erkenne Dich selbst. Philosophiegeschichte Renaissance bis zum deutschen Idealismus, Bd. 2 von 3, 2017. Bin gespannt, ob es hält was es verspricht.

[3] Vgl. dazu https://wiki.uni-koeln.de/chancengerechtigkeit_und_kapitalformen/index.php/Kapitalformen_nach_Bourdieu .

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